ARLITT Fahrschulen
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Die Entdeckung des Baltikums in fünf Tagen

Finnjet Fähre, in einer halben Stunde legen wir in Tallinn/Estland an. Hinter uns liegen 21 Stunden einer ruhigen und angenehmen Fährfahrt mit Wellness, Sauna und gutem Essen und viele Stunden des Durchwälzens sämtlicher Reiseführer. Hinzu kommt der Erfahrungsaustausch mit anderen Motorradfahrern. Wir sind voller Spannung, allen Informationen nach erwarten uns drei traumhafte Länder mit wunderschönen Hauptstädten, idyllischen Landschaften und unendlichen Sand- und Schotterwegen. Trotzdem verlassen wir die Fähre mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite Neugier und Spannung, auf der anderen Seite Skepsis und Vorurteile bezüglich osteuropäischer Länder und Kriminalität.

Bei der Grenzabfertigung erleben wir die erste Überraschung. Kein grimmiger, alter, gefrusteter Zollbeamter sondern ein Anfang Zwanzigjähriger, freundlicher und „gute Reise“ wünschender.

Mit anderen Motorradfahrern suchen wir eine Tankstelle, um noch das fehlende Kartenmaterial zu ergänzen. Schon auf den ersten Metern durch Tallinn fällt uns auf, dass nur sehr neue und gute Fahrzeuge unterwegs sind und alles in allem lässt uns fast vermuten, in Skandinavien zu sein. An der Tankstelle sind wir noch sehr vorsichtig und ängstlich, frei nach dem Motto: einer bleibt immer bei den Motorrädern.

Wir suchen uns ein Hotel und finden mit dem Domina Ilmarine ein neues, durchaus bezahlbares und hübsches 4 Sterne Hotel in direkter Nähe zur Altstadt. 

 Wir sind erschlagen von der Schönheit der Altstadt. Liebevoll restaurierte Häuser, eine riesige, gut erhaltene Wehranlage (gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO), Fassaden mit Pastelltönen versehen, unzählige kleine Gassen mit tollen Shops, Cafés und Restaurants und eine lebendige und aufgeweckte Bevölkerung laden dazu ein, länger in Tallinn zu verweilen. Aber wir müssen weiterziehen und das Baltikum entdecken. 

 Am nächsten Morgen fahren wir aus Tallinn an der Bucht entlang heraus Richtung St. Petersburg. Von weiter Ferne können wir über die Bucht hinweg einen Blick auf Tallinn werfen. Wir versprechen dieser Stadt wiederzukommen. 

 Immer an der zerklüffteten Nordküste entlang entdecken wir im Lahemaa Nationalpark die ersten Sand- und Waldwege. Wo gibt es das noch: Offizielle Wege führen kurvenreich durch die Wälder. Wir fahren legal im Wald, genießen es und entdecken eine Steilküste. 

 Kurz vor der russischen Grenze drehen wir nach Süden ab. Der größte Teil der Grenze zu Russland bildet ein See, der fünfmal so groß ist wie der Bodensee, der Peipsi-See. Am See angekommen, überkommt uns das Gefühl am Meer zu stehen. Kleine Dünen und am Horizont kein Ufer lassen uns staunen. Ebenso erstaunt sind wir über die Millionen von Mücken. Schnell aufs Motorrad und weiter Richtung Tartu, einer Studentenstadt. In Tartu lassen wir in einem Pub den Tag bei einer ausgelassenen Karaoke-Party ausklingen. 

 Nächstes Ziel: Das Wintersportgebiet Estlands, die „estländische Schweiz“ um Otepää im Südosten des Landes. Mit 318 m ist der Suur-Munamägi der höchste Berg, oder besser gesagt Hügel. Stundenlang fahren wir kreuz und quer auf den Waldwegen durch die Landschaft, nur ein Blick auf die Uhr und unsere eigentliche Reiseroute lassen uns davon abkommen. Auch hier könnte man mit der Enduro noch mehr Zeit verbringen und die Wälder erforschen. 

 Im Dreiländerdreieck Estland/Russland/Lettland übertreten wir die lettische Grenze. Unsere Motorräder schreien nach Benzin und wir steuern die nächste Tankstelle, kurz bevor wir schieben müssen, an. Eine filmreife Tankstelle! Mitten auf dem Land steht ein verrosteter Container, nebenan ebenso verrostete Zapfsäulen. Wir müssen erst bezahlen, bevor wir tanken dürfen. Verwöhnt von Estland, zücken wir die Visa-Karte und ernten nur ein kopfschüttelndes Lächeln. Na gut, dann eben die Euro-Scheine nehmen. Gleiche Antwort. Estländische Kronen? Nein, mit einem Lächeln. Schade, dass an der Grenze nicht, wie erwartet, ein Geldumtausch möglich war. Vor uns stehen eine V-Strom und eine F 650 GS Dakar mit blinkenden Tankleuchten, neben uns eine nur lettisch sprechende, kopfschüttelnde, aber immer lächelnde Frau. Nach einigen Telefonaten lässt sie sich auf den Euro ein. Aber natürlich zu ihren Konditionen. Wir zahlen umgerechnet knapp das Doppelte des sonst üblichen Tarifes. Aber was soll`s! Sie ist glücklich, ein gutes Geschäft gemacht zu haben, hat uns immerhin geholfen und wir können doch noch weiterfahren. Auf zum Gauja-Nationalpark. Wieder erwarten uns traumhafte Waldwege entlang der Gauja und eine idyllische Fährfahrt mit einem Holzfloß. Schnell noch ein bisschen in den Wäldern austoben, bevor wir nach Riga weiterziehen. 

 Die Einfahrt nach Riga erinnert uns an die Einfahrt über die Pankow-Autobahn nach Berlin. Links und rechts neben der leicht bergabführenden Schnellstraße sozialistische Neubauten, selbst die Shell-Tankstelle darf nicht fehlen. Das einzige was uns daran erinnert, in Riga und nicht in Berlin zu sein, ist der fehlende Fernsehturm vom Alex. Je näher wir dem Zentrum kommen, desto mehr ändert sich das Straßenbild. Die Häuser sind inzwischen schöner, aber noch ziemlich instandsetzungsbedürftig. Im Zentrum angekommen, befinden wir uns plötzlich in Klein-Paris. Wunderschöne Häuser zeugen von einer lebhaften Vergangenheit. Unzählige Shops und wundervolle Restaurants gibt es in dieser Großstadt. Die Häuser sind mit viel Aufwand restauriert und in der Luft liegt Unternehmertum und Aufbruchstimmung. Hier tut sich was, die Stadt hat sich herausgeputzt. Leider finden wir kein Hotel in der Stadt, weil gerade Festwochen sind, werden aber an ein Hotel außerhalb, auf der Halbinsel Jurmala, verwiesen. Etwas wehmütig machen wir uns auf den Weg, wie gerne wären wir noch in dieser Stadt geblieben. 

 Aber mehr als entlohnt werden wir von Jurmala. Man spricht auch von der Riviera der Ostsee und das zurecht. In dem Hotel sind wir schon angekündigt worden und bekommen das letzte Zimmer, die Hochzeitssuite....wir genießen nach den vielen Kilometern den Luxus und spüren unsere Knochen von den Enduro-Einlagen. Dennoch von der Neugier gepackt, ziehen wir gegen 24 Uhr noch einmal los und schlendern über die Promenade. Alte Strandhäuser aus Holz und riesige Villen werden bestaunt und ein eher typisch südländisches Flanieren auf dieser Meile in einer lauen Sommernacht. Es ist schwer zu übersehen, dass sich hier die reichen Rigaer mit einer Sommerresidenz niedergelassen haben. In einem russischen Restaurant werden wir noch reichlich beköstigt. 

 Am nächsten Morgen, beim Verlassen Jurmalas, staunen wir über die zahlreichen Villen und können abermals nicht glauben, dass die baltischen Staaten bis 1990/91 zur Sowjetunion gehörten. Geringfügig peinlich berührt merken wir, dass ein Besucherticket für die Insel von Nöten gewesen wäre. Ok, beim nächsten Mal, versprochen. Keine Ahnung, wie wir nachts an den Polizeikontrollen vorbeigekommen sind.

Westküste Lettland
Westküste Lettland

Vom Luxus wieder weg und zurück in die Realität. Unser Trip führt weiter nach Kurzeme (Kurland), einem ehemaligen militärischen Sperrgebiet von riesigem Ausmaß. Grob gesagt lässt sich sagen, dass westlich von Riga bis nach Litauen unter den Sowjets alles Sperrgebiet war. Dementsprechend unternehmen wir mit den Motorrädern eine Zeitreise um mehrere Jahrzehnte. Kurzeme wirkt noch stiller als der Rest Lettlands. Die Landschaft unterscheidet sich deutlich von den benachbarten Provinzen. Hügelketten, dichte Wälder und Flüsse prägen das Bild. Unsere Route führt von der ruhigen Nordküste über die geschichtsträchtigen Orte im Landesinneren wie Talsi und Kuldiga mit ihren Burgruinen über verschlungene und wunderschöne Schotterstraßen und Waldwege nach Sabile. Dieser kleine Ort ist als nördlichstes Weinanbaugebiet im Guiness-Buch der Rekorde verzeichnet und lädt mit seiner hügeligen Umgebung zum Enduro-Abenteuer ein. Ohne ein bestimmtes Ziel im Auge zu haben, fahren wir durch diese faszinierende Landschaft und verlieren die Zeit aus den Augen. Aber wir haben enormen Spaß. Wieder einigermaßen zur Vernunft zurückgekehrt, machen wir Kilometer und benutzen wieder richtige Straßen. Doch die Vernunft ist nur von kurzer Dauer und ich entdecke auf der Karte eine prima Abkürzung über Nebenstraßen. Über einen alten Lokomotivschrottplatz gelangen wir in einen fast urwüchsigen Wald. Nachdem wir später zwei Stunden brauchten, um die Motorräder wieder aus dem Moor zu ziehen, wussten wir, wieso der Wald so urwüchsig aussieht. Ich weiß auch noch sehr genau, wie ich bis zu den Knien neben der V-Strom im Wasser stand, welches wir Greenhorns vorher nicht gesehen haben, und mir überlegt habe, wie wir hier uns in dieser Nacht ein Feuer machen können. Es ist nicht gelogen, dass wir beide geplagt von tausenden Mücken und dem Kampf mit dem Moor an unsere psychischen Grenzen gestoßen sind. Aber das gehört zu einer Entdeckungsreise und zum Abenteuer dazu. Nie werde ich vergessen, wie Micha beim Verlassen des Waldes in Siegerpose die Arme in die Höhe riss und einfach in den Himmel schrie. Diesen Kampf haben wir gewonnen, gaben uns „Fünf“ und lachten über unsere Unerfahrenheit. Aber wir fühlten uns wie die wahren Helden aus dem Moor. 

 Nun sind Kilometer angesagt und die Frage nach einer Übernachtung in diesem Landstrich aus dem vorigen Jahrhundert kommt auf. Wir nehmen Kurs auf Liepaja, einem ehemaligen Marinestützpunkt der sowjetischen Atom-U-boot-Flotte. Soll nicht schön sein, aber es gibt Hotels. Auf den 180km dorthin, machen wir noch schnell einen Abstecher nach Jurkalne, um uns bei Sonnenuntergang noch die wunderschöne Steilküste anzusehen. Völlig erschöpft tanken wir 10km vor Liepaja und fühlen uns erstmalig etwas fremdartig. Überall Polizei und Typen, die in jedem Krimi den Killer spielen könnten. Wir sind müde und suchen ein Hotel. In der Stadt angekommen, stoßen wir auf einen sehr netten Motorradfahrer, der uns die Wege zu den Hotels zeigt. Wieder überall Polizei und wir fahren so, wie es uns dieser Local vormacht. Wir folgen ihm entgegensetzt den Einbahnstraßen, biegen falsch ab, fahren wie er bei Rot. Zum Glück sieht uns keiner, aber alle fahren so. 

 Noch vom Moor völlig verdreckt, stehe ich in einem Hotel und buche ein Zimmer, als ich sehe, dass draußen bei Micha und dem Local die Polizei steht und viel geredet wird. Na super, denke ich, unsere Chaosfahrt durch die Stadt hat ein berechtigtes Nachspiel. Aber es kommt ganz anders: Die Polizisten wurden von anderen Polizisten aus dem Umland angefunkt, um uns zu suchen, weil ein Führerschein von uns auf der Tankstelle gefunden wurde. Plötzlich fühlen wir uns überhaupt nicht mehr fremdartig, sondern willkommen. Die „Killer“ sind vergessen, denn sie haben doch den Führerschein gefunden. Über die Polizeipräsenz sind wir extrem glücklich und die Chaosfahrt mit dem Local war einmalig und cool. Extra für uns wird das Restaurant im Hotel länger offen gelassen, bei unserem Hunger lohnt es sich für die Geschäftsführung. 

 Das Ende unserer Reise naht und das Ziel heißt Kurische Nehrung in Litauen. Noch in Lettland cruisen wir an der Küste entlang. Ich weiß nicht wieso, aber mir kommt die Idee, dass es noch Wege geben muß, die näher an der Küste liegen. Und so ist es auch. Wir entdecken eine bewaldete Dünenlandschaft neben einem Militärgebiet. Noch die Strapazen vom gestrigen Ausflug ins Moor in den Muskeln, verdreht Micha die Augen und folgt mir. Der Weg verzweigt sich zigfach, führt teilweise durch tiefen Sand, ist sehr verschlungen und hügelig. Dieser Weg toppt alle bis dahin befahrenen, auch wenn diese schon extrem schön waren. Die ganze Zeit habe ich das Gefühl, direkt hinter dem Meer zu sein und endlich sehe ich es. Die Ostsee rollt weit heftiger ans Ufer, als in der Rigaer Bucht. Fast wie die Nordsee. Ich finde eine Abzweigung zum Strand und kann es nicht lassen. Endlich mit dem Motorrad durch die anrauschenden Wellen fahren und am Strand entlang surfen. Soweit das Auge reicht, menschenleerer Strand und nur wir, die V-Strom und die Dakar. Ein Paradies zum Austoben. Aber wir wollen noch ins richtige Paradies und nehmen wieder Kurs auf die Kurische Nehrung. 

 Der Grenzübertritt nach Litauen verläuft wieder völlig unproblematisch und freundlich. In der niedlichen Hafenstadt Klaipeda tobt das Leben und auch hier herrscht Aufbruchstimmung. Schnell ist die Fähre gefunden und wir setzen über. Vor uns liegt die Sahara der Ostsee, von der schon Thomas Mann so fasziniert war und hier eine Residenz hatte. Die Fährfahrt und die vor uns liegende Insel strahlen eine unglaubliche Ruhe aus. Auf der Insel verspüren wir erstmalig das Bedürfnis langsam zu fahren, geradezu dahinzutuckern. Teilweise sieht man von der einzigen Inselstraße sowohl das Kurische Haff, wie auch die Ostsee. Kurz vor der russischen Grenze zu Kaliningrad (Königsberg) machen wir Halt auf einem Parkplatz und betreten den Nationalpark. Jetzt weiß ich, wieso er mit der Sahara verglichen wird. Eine unglaubliche und bildschöne Dünenlandschaft liegt vor uns. Auf der anderen Seite der Insel ist die Küste und Dünenlandschaft wie an der Nordseeküste Dänemarks. 

 In Nida fahren wir in den Yachthafen und machen Rast im Hafencafé. Die Rast dauert vier Stunden oder länger. Wir wissen es nicht mehr. Völlig erschlagen von den Eindrücken der vergangenen Tage und verzaubert von der Schönheit dieser Insel erleben wir diese Stunden fast wie in Trance, unterhalten uns kaum und genießen. Wir befinden uns im Paradies und genießen die Sonne, den Ausblick über das Haff, die Faszination der Dünen und die vielen Segelboote. Und wir genießen noch einmal das Baltikum und wissen ganz genau, dass wir nicht zum letzten Mal hier waren und noch mehr entdecken müssen. Inzwischen lassen wir auch die Motorräder alleine stehen und verdammen alle Vorurteile. Überall wurden wir nett aufgenommen, aus jedem Landstrich des Baltikums können wir von tollen Erlebnissen berichten, denken an die vielen Störche, die als Wildwechsel über die Straßen stolzierten und haben vor, auch eine reine Städtereise nach Riga und Tallinn zu unternehmen. Und wir haben vor, alle Sandstraßen kennen zu lernen und wollen uns für die nächste Reise mehr Zeit nehmen. 3100km mit dem Motorrad in fünf Tagen ist doch ziemlich viel. Zumal über 50% Offroad waren und viele Kilometer, gemessen an den Motorrädern, hardcore waren. Aber es waren fantastische fünf Tage, die nie wieder aus unserem Gedächtnis zu streichen sind. Bald werden wir wieder kommen, aber dann wollen wir an die 100% Offroad. Das Moor kann kommen, wir sind bereit.

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